Mittwoch, September 27, 2006

Schlag ins Gesicht

Der ganz normale Alltag hat mich schon manchmal etwas gähnen lassen. Immer das gleich. Nichts passiert. Und dann hat das Leben plötzlich ein paar unangenehme, gemeine Überraschungen parat. Das ist nicht nur mal so ein Schlag, der einem durch Mark und Bein geht. Nein, es können dann lieber gleich mal zwei, drei kräftige Ohrfeigen sein. DANKE! Offensichtlich habe ich das gebraucht, um den tristen Alltag wieder schätzen zu können.

Montag, September 25, 2006

Gestern

Ich habe am Wochenende das Gestern besucht. Glücklicher Weise konnte ich mit einigen auch das Heute feiern.

Dienstag, September 19, 2006

Recht haben

Gestern in der Kanzlei. Anwalt verlässt in Eile das Büro und sagt sehr energisch: "Acht Stunden am Tag Recht haben, das kann doch nicht gut gehen."

Sonntag, September 17, 2006

Wahltag - Ein älterer, aber leicht besoffener Herr

Wie Sie mich hier sehn, bin ick nämlich aust Fensta jefalln.
Wir wohn Hochpachterr, da kann sowat vorkomm. Es ist wejn den
Jleichjewicht. Bleihm Se ruhich stehn, lieber Herr, ick tu Sie
nischt - wenn Se mir wolln mah aufhehm... so... hopla... na, nu
jeht et ja schon. Ick wees jahnich, wat mir is: ick muß wat
jejessen ham...!

Jetrunken? Ja, det auch... aber mit Maßen, immer mit Maßen. Es
wah - ham Sie ’n Auhrenblick Sseit? - es handelt sich nämlich
bessüchlich der Wahlen. Hips... ick bin sossusahrn ein Opfer von
unse Parteisserrissenheit. Deutschland kann nich untajehn;
solange es einich is, wird es nie bebesiecht! Ach, diß wah ausn
vorjn Kriech... na, is aber auch janz sehön! Wenn ick Sie ’n
Sticksken bejleiten dürf... stützen Sie Ihnen ruhig auf mir, denn
jehn Sie sicherer!

Jestern morjen sach ick zu Elfriede, wat meine Jattin is, ick
sahre: «Elfriede!» sahr ick, «heute is Sonntach, ick wer man
bißken rumhörn, wat die Leite so wählen dhun, man muß sich auf
den laufenden halten», sahr ick - «es is eine patt...
patriotische Flicht!» sahr ick. Ick ha nämlich ’n selbständjen
Jemieseladn. Jut. Sie packt ma ’n paar Stulln in, und ick ßottel
los.

Es wücht ein ja viel jebotn, ssur Sseit... so ville Vasammlungen!
Erscht war ich bei die Nazzenahlsosjalisten. Feine Leute. Mensch,
die sind valleicht uffn Kien! Die janze Straße wah schwarz... un
jrien... von de Schupo... un denn hatten da manche vabotene
Hemden an... dies dürfen die doch nich! «Runta mit det braune
Hemde!» sachte der Wachtmeister zu ein. «Diß iss ein weißes
Hemde!» sachte der. «Det is braun!» sachte der Jriene. Der Mann
hat ja um sich jejampelt mit Hände und Fieße; er sacht, seine
weißen Hemden sehn imma so aus, saubrer kann a nich, sacht a. Da
ham sen denn laufen lassen. Na, nu ick rin in den Saal. Da jabs
Brauselimmenade mit Schnaps. Da ham se erscht jeübt: Aufstehn!
Hinsetzn! Aufstehn! Hinsetzn! weil sie denn nämlich Märsche
jespielt ham, und die Führers sind rinjekomm - un der Jöbbels
ooch. Kenn Sie Jöbbels? Sie! Son Mann is det! Knorke. De ham die
jerufen: «Juden raus!» un da habe ick jerufen: «Den Anwesenden
nadhierlich ausjenomm!» un denn jing det los: Freiheit und Brot!
ham die jesacht. Die Freiheit konnte man jleich mitnehm - det
Brot hatten se noch nich da, det kommt erscht, wenn die ihr
drittes Reich uffjemacht ham. Ja. Und scheene Lieda ham die -!

Als die liebe Morjensonne
schien auf Muttans Jänseklein,
zoch ein Rejiment von Hitla
in ein kleines Städtchen ein...!

Na, wat denn, wat denn... man witt doch noch singen dürfn! Ick
bin ja schon stille - ja doch. Und der Jöbbels, der hat ja nich
schlecht jedonnert! Un der hat eine Wut auf den Thälmann! «Is
denn kein Haufen da?» sacht er - «ick willn iebern Haufn
schießen!» Und wir sind alle younge Schklavn, hat der jesacht,
und da hat er ooch janz recht. Und da war ooch een Kommenist, den
ham se Redefreiheit jejehm. Ja. Wie sen nachher vabundn ham, war
det linke Oohre wech. Nee, alles wat recht is: ick werde die
Leute wahrscheinlich wähln. Wie ick rauskam, sachte ick mir:
Anton, sachte ick zu mir, du wählst nazzenahlsosjalistisch. Heil!
Denn bin ick bei die Katholschen jewesn. Da wollt ick erscht
jahnich rin... ick weeß nich, wie ick da rinjekomm bin. Da hat
son fromma Mann am Einjang jestandn, der hatte sich vor lauter
Fremmichkeit den Krahrn vakehrt rum umjebunden, der sacht zu mir:
«Sind Sie katholischen Jlaubens?» sacht er. Ick sahre: «Nich, daß
ick wüßte...» - «Na», sacht der, «wat wollen Sie denn hier?» -
«Jott», sahre ick, «ick will mir mal informieren», sahre ick.
«Diß is meine Flicht des Staatsbirjers.» Ick sahre: «Einmal, alle
vier Jahre, da tun wa so, als ob wa täten... diß is ein scheenet
Jefiehl!» - «Na ja», sacht der fromme Mann, «diß is ja alles jut
und scheen... aber wir brauchen Sie hier nich!» - «Nanu...!»
sahre ick, «sammeln Sie denn keene Stimm? Wörben Sie denn nich um
die Stimm der Stimmberechtichten?» sahre ick. Da sacht er: «Wir
sind bloß eine bescheidene katholische Minderheit», sacht er.
«Und ob Sie wähln oder nich», sacht er, «desderwejn wird
Deutschland doch von uns rejiert. In Rom», sacht er, «is et ja
schwierijer... aber in Deutschland...» sacht er. Ick raus. Vier
Molln hak uff den Schreck jetrunken. Denn wak bei die Demokratn.
Nee, also... ick hab se jesucht... durch janz Berlin hak se
jesucht. «Jibbs denn hier keene Demokraten?» frahr ick eenen.
«Mensch!» sacht der. «Du lebst wohl uffn Mond! Die hats doch nie
jejehm! Und nu jippse iebahaupt nich mehr! Jeh mal hier rin»,
sacht er, «da tacht die Deutsche Staatspachtei - da is et
richtich.» Ick rin. Da wah ja so viel Jugend... wie ick det
jesehn habe, mußt ick vor Schreck erscht mal ’n Asbach Uralt
trinken. Aber die Leute sinn richtich. Sie - det wa jroßachtich!
An Einjang hattn se lauter Projamms zu liejn... da konnt sich
jeder eins aussuchen. Ick sahre: «Jehm Sie mir... jehm Se mia ein
scheenet Projamm für einen selbständigen Jemieseladen, fier die
Interessen des arbeitenden Volkes», sahre ick, «mit etwas Juden
raus, aber hinten wieder rin, und fier die Aufrechterhaltung der
wohlerworbenen Steuern!» - «Bütte sehr», sacht det Frollein, wat
da stand, «da nehm Sie unsa Projramm Numma siemundfürrssich - da
is det allens drin. Wenn et Sie nicht jefällt», sacht se, «denn
kenn Siet ja umtauschn. Wir sind jahnich so!» Diß is eine kulante
Pachtei, sahre ick Ihn! Ick werde die Leute wahrscheinlich wähln.
Falls et sie bei der Wahl noch jibbt.

Denn wak bei die Sozis. Na, also ick bin ja eijentlich, bei Licht
besehn, ein alter, jeiebter Sosjaldemokrat. Sehn Se mah, mein
Vata war aktiva Untroffssier... da liecht die Disseplin in de
Familie. Ja. Ick rin in de Vasammlung. Lauta klassenbewußte
Arbeita wahn da: Fräser un Maschinenschlosser un denn ooch der
alte Schweißer, der Rudi Breitscheid. Der is so lang, der kann
aus de Dachrinne saufn. Det hat er aba nich jetan - er hat eine
Rede jehalten. Währenddem daß die Leute schliefen, sahr ick zu
ein Pachteigenossn, ick sahre: «Jenosse», sahre ick, «woso wählst
du eijentlich SPD - ?» Ick dachte, der Mann kippt mir vom Stuhl!
«Donnerwetter», sacht er, «nu wähl ick schon ssweiunsswanssich
Jahre lang diese Pachtei», sacht er, «aber warum det ick det
dhue, det hak ma noch nie iebalecht! - Sieh mal», sachte der,
«ick bin in mein Bessirk ssweita Schriftfiehra, un uff unse
Ssahlahmde is det imma so jemietlich; wir kenn nu schon die
Kneipe, un det Bier is auch jut, un am erschten Mai, da machen
wir denn ’n Ausfluch mit Kind und Kejel und den janzen Vaein...
und denn ahms is Fackelssuch... es is alles so scheen
einjeschaukelt», sacht er. «Wat brauchst du Jrundsätze», sacht
er, «wenn dun Apparat hast!» Und da hat der Mann janz recht. Ick
werde wahrscheinlich diese Pachtei wähln - es is so ein
beruhjendes Jefiehl. Man tut wat for de Revolutzjon, aber man
weeß janz jenau: mit diese Pachtei kommt se nich. Und das is sehr
wichtig fier einen selbständjen Jemieseladen!

Denn wah ick bei Huchenberjn. Sie... det hat ma nich jefalln. Wer
den Pachteisplitter nich ehrt, is det Janze nich wert - sahr ick
doch imma. Huchenberch perseenlich konnte nich komm... der hat
sich jrade jespaltn. Da hak inzwischen ’n Kimmel jetrunken.

Denn wak noch bei die kleinern Pachteien. Ick wah bei den
Alljemeinen Deutschen Mietabund, da jabs hellet Bia; und denn bei
den Tannenberchbund, wo Ludendorff mitmacht, da jabs
Schwedenpunsch; und denn bei die Häußerpachtei, die wähln bloß in
Badehosn, un da wah ooch Justaf Nahrl, der is natürlicher
Naturmensch von Beruf; und denn wak bei die Wüchtschaftspachtei,
die sind fier die Aufrechterhaltung der pollnschen Wüchtschaft -
und denn wark blau... blau wien Ritter. Ick wollt noch bei de
Kommenistn jehn... aber ick konnte bloß noch von eene Laterne zur
andern Laterne... Na, so bink denn nach Hause jekomm.

Sie - Mutta hat valleicht ’n Theater jemacht! «Besoffn wie son
oller Iiiijel -.» Hat se jesacht. Ick sahre: «Muttacken», sahre
ick, «ick ha det deutsche Volk bei de Wahlvorbereitung studiert.»
- «Besoffn biste!» sacht se. Ick sahre: «Det auch...» sahre ick.
«Aber nur nehmbei. Ick ha staatspolitische Einsichten jewonn!»
sahre ick. «Wat wißte denn nu wähln, du oller Suffkopp?» sacht
se. Ich sahre: «Ick wähle eine Pachtei, die uns den schtarkn Mann
jibt, sowie unsan jeliebtn Kaiser und auch den Präsidenten
Hindenburch!» sahr ick. «Sowie bei aller Aufrechterhaltung der
verfassungsjemäßichten Rechte», sahr ick. «Wir brauchen einen
Diktator wie Maxe Schmeling oder unsan Eckner», sahre ick. «Nieda
mit den Milletär!» sahre ick, «un hoch mit de Reichswehr! Und der
Korridor witt ooch abjeschafft», sahre ick. «So?» sacht se. «Der
Korridor witt abjeschafft? Wie wißte denn denn int Schlafzimmer
komm, du oller Süffel?» sacht se. Ick sahre: «Der Reichstach muß
uffjelöst wern, das Volk muß rejiern, denn alle Rechte jehn vom
Volke aus. Na, un wenn eener ausjejang is, denn kommt a ja sobald
nich wieda! » sahre ick. «Wir brauchen eine Zoffjett-Republik mit
ein unumschränkten Offsier an die Spitze», sahre ick. «Und in
diesen Sinne werk ick wähln.» Und denn bin ick aust Fensta
jefalln.

Mutta hat ohm jestanden und hat jeschimpft...! «Komm du mir man
ruff», hat se jebrillt. «Dir wer ick! Du krist noch mal Ausjang!
Eine Schande is es - ! Komm man ja ruff!» Ick bin aba nich ruff.
Ick als selbstänjdja Jemieseladen weeß, wat ick mir schuldich
bin. Wollen wa noch ne kleene Molle nehm? Nee? Na ja... Sie missn
jewiß ooch ze Hause - die Fraun sind ja komisch mit uns Männa!
Denn winsch ick Sie ooch ne vajniechte Wahl! Halten Sie die Fahne
hoch! Hie alleweje! Un ick wer Sie mal wat sahrn: Uffjelöst wern
wa doch... rejiert wern wa doch... Die Wahl is der Rummelplatz
des kleinen Mannes! Det sacht Ihn ein Mann, der det Lehm kennt!
Jute Nacht -!

Kurt Tucholsky [1930]

Samstag, September 02, 2006

Technik die wirklich begeistert

Ich bin manchmal ein wenig tollpatschig. Manchmal! Und nur ein wenig! Oft gehen dann Dinge auch richtig kaputt. Wie z. B. die Fernbedienung für den DVB-T-Empfänger. Das blöde Teil ist mir einfach nur - aufgrund einer motorischen Störung- aus der Hand gefallen. Na jedenfalls ging die dann gar nicht mehr. Wenn wir also abends vor dem Glotzapparat saßen und die große Auswahl unseres Programms auskosten wollten (immerhin 9 Wahlmöglichkeiten), mussten wir zum Umschalten aufstehen. Oder ich saß stundenlang, weil ich schuldig gesprochen wurde die Umschalte zerstört zu haben, neben dem TV-Gerät und schaltete hin und her, bis etwas Gescheites zu sehen war.
Das ging ein 3/4 Jahr so und hat unser Fernsehverhalten maßgeblich verändert. Es wurde z. B. auch mal etwas widerwillig angesehen. Nur aus Faulheit.
Irgendwann brach zum wiederholten Male die Diskussion aus, wie wir diesem Debakel ein jähes Ende setzen könnten. Nur aus Spaß probierten wir, ob sich die Macht des DVB-T-Empfängers nicht doch bedienen lässt. Ich weiß nicht warum, aber alles funktionierte einwandfrei.
Vielleicht sind die kleinen Umschaltmännchen aus einem Koma erwacht. Oder sie waren zwischenzeitlich infolge des Erdbebens am Arbeitsplatz in eine andere Umsschaltstation ausgewandert. Nun, da nach 9 Monaten keine Gefahr mehr zu bestehen schien, sind sie zurückgekommen. Wer weiß das? Man steckt da ja nicht drin.

Übrigens: Liebe GEZ, ich habe mir diese Geschichte natürlich nur ausgedacht. Wir haben nämlich weder einen Fernseher noch ein Radio.